Iran: Der ewige Kampf um die Selbstbestimmung

Autorin: Sabrina Horn
Die Iranerinnen führen seit langem einen Kampf um ihre Selbstbestimmung. Wie die aktuelle Lage vor Ort ist und ob die Proteste zu einer Revolution führen, werdet Ihr in diesem Artikel erfahren.

Seit den letzten zwei Monaten wird auf vielen Straßen des Irans und in Europa „Jin, Jiyan, Azadi“ (auf deutsch: „Frau, Freiheit, Leben“) gerufen. Die feministische Parole in kurdischer Sprache steht für das aktuelle Auflehnen der Bevölkerung gegen die Regierung. Neu ist die Parole aber nicht: Seit Jahrzehnten wird sie von der kurdisch-feministischen Bewegung im Iran und in anderen kurdischen Gebieten verwendet. Dieser Ausdruck steht für den Kampf nach Selbstbestimmung – Ein Kampf der von den Menschen im Iran schon sehr lange ausgetragen wird. Bislang konnte das Recht auf Selbstbestimmung, vor allem für die körperliche Selbstbestimmung von Frauen, noch nicht durchgesetzt werden. Doch warum ist das so und wie haben die Iranerinnen bisher versucht, für ihre Selbstbestimmung zu kämpfen?


Aktuelle Lage der Proteste im Iran


Das zeigt sich deutlich an dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Die junge Kurdin war bei einem Besuch in Teheran von der Sittenpolizei festgenommen worden, weil ihr Kopftuch ihr Haar nicht komplett bedeckt hatte. Wenige Tage später am 16. September 2022, starb sie im Krankenhaus. Aminis Familie sagte, dass Amini von der Polizei geschlagen worden sei. Allerdings bestreiten die Polizei und die Regierung die Vorwürfe. Die iranische Gerichtsmedizin erklärte, Aminis Tod sei auf eine „Grunderkrankung“ zurückzuführen und nicht auf Schläge gegen den Kopf oder lebenswichtige Organe. Aus Protest gegen das Vorgehen der Polizei nehmen seit Aminis Tod immer mehr Frauen ihr Kopftuch ab – eine Geste, die schnell in vielen Städten im Iran kopiert wurde. Dies ist ein mutiger Schritt, weil das Ablegen des Kopftuchs im Iran eine Straftat ist. Dazu haben sich sehr viele Frauen im Iran und auch europaweit aufgrund des Vorgehens der Polizei untereinander solidarisiert, indem sie vermehrt ihre Haare abschnitten. Diese Handlungen zeigen, dass der Hijab-Zwang für ein vom Staat kontrolliertes Leben steht. Dazu sind die Presse- und Meinungsfreiheit im Iran stark eingeschränkt. Auch alltägliche Dinge, wie ein Besuch im Fußballstadion oder Fahrradfahren in der Öffentlichkeit sind für Frauen verboten. Tanzen ist sowohl für Frauen als auch für Männer untersagt. Dazu sind Kontrollen, Razzien und Festnahmen gängige Mittel, um die Menschen im Iran unter Druck zu setzen. Aber nicht nur die Frauen demonstrieren für ihr Recht auf Selbstbestimmung. Nach Mahsa Aminis Tod weiteten sich die Proteste auf viele Städte im ganzen Land, sowie Streiks an Schulen, Universitäten und in den für das Land lebenswichtigen Ölsektor, aus. Dabei geht die Polizei hart gegen die Demonstrierenden vor. Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, unter anderem wurden Gebäude der Sicherheitskräfte in Brand gesetzt. Hunderte Menschen sollen dadurch mittlerweile ums Leben gekommen sein. Darüber hinaus ist die Berichterstattung über die Proteste erschwert, weil unabhängiger Journalismus im Land nicht zugelassen wird und der Zugang zum Internet immer wieder unterbrochen wird. Dennoch dringen immer wieder Videos auf Social-Media von den Protesten durch, die einen Einblick in die Lage vor Ort geben.


Werden die Proteste zu einer Revolution führen?


Bei den ganzen Protesten kann man sich nun fragen, ob dies langfristig zu einer Revolution führen wird… Laut dem deutsch-iranischen Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad sind die Proteste Teil eines revolutionären Prozesses. Im ZDF heute journal Update betonte er, dass die aktuellen Proteste „die längsten Proteste sind, die wir in den vergangenen Jahren gesehen haben“. Anders als in den vergangenen Jahren sei es diesmal auch „ein schichten- und ethnienübergreifender Aufstand“, sagte Fathollah-Nejad. Vieles deute darauf hin, „dass sich der Iran in einem revolutionären Prozess befindet.“ Die Regierung habe in den letzten Jahren viel an Unterstützung verloren. Neu sei auch der große Rückhalt in der Gesellschaft. Im Iran gibt es eine tiefsitzende Wut über die islamische Politik der Regierung, insbesondere über die Bekleidungsvorschriften. Schon als 1983 der Hidschab zur Pflicht gemacht wurde, gab es viele immer wiederkehrende Proteste.


Der historische Kampf gegen die Bekleidungsordnung


Fast 50 Jahre zuvor, im Jahr 1936, verbot der Herrscher Reza Schah Pahlavi das Kopftuch, denn er wollte sein Land mit allen Mitteln modernisieren. Deshalb wurde es den iranischen Frauen gesetzlich verboten, ein Kopftuch zu tragen. Mohammad Reza setzte die Verwestlichungspolitik seines Vaters fort, wodurch iranische Frauen nun Miniröcke und hohe Schuhe tragen durften. Unter Mohammad Reza wurde auch das Kopftuchverbot weniger streng durchgesetzt. In der Schule und auf der Straße stand es Mädchen und Frauen frei, ein Kopftuch zu tragen. Allerdings mussten sich Frauen in ihrem Job zwischen der Arbeit oder dem Kopftuch entscheiden. Dieses neue Erscheinungsbild von Frauen, sowie deren öffentliche Präsenz, stieß in Teilen der konservativen Bevölkerung auf Widerstand. Im Jahr 1979 kam es dann zur Revolution der iranischen Bevölkerung. Obwohl der Revolutionsführer Khomeini den Iranerinnen Freiheit in allen Bereichen versprochen hatte, wurde das Kopftuch wieder zur Pflicht. Rund zwei Jahre nach der Islamischen Revolution wurden Frauenrechte erneut durch den Staat beschnitten, auch grundlegende Rechte, wie das Erb-, Ehe-, Scheidungs- oder Reiserecht. Dazu wurde auch die Kleiderordnung strenger: Das gesamte Haar war mit einem Hijab zu verdecken, über der weiten Oberbekleidung und der vorgeschriebenen Hose musste ein Ganzkörperschleier oder ein Mantel getragen werden. So waren weibliche Personen ab einem Alter von neun Jahren in den Achtzigerjahren im öffentlichen Raum nur noch verschleiert anzutreffen, in der Schule bereits ab der ersten Klasse. Die früheren Präsidenten Mohammad Khatami (1997-2005) und Hassan Rouhani (2013- 2021) versuchten in der Vergangenheit, den Iran dem Westen anzunähern. Das geschah beispielsweise durch den Abbau sozialer Beschränkungen und mehr demokratische Freiheiten – doch diese Bemühungen sind weitgehend gescheitert. Seit Ebrahim Raisi 2021 Präsident wurde und begann die Bekleidungsvorschriften für Frauen zu verschärfen, häuften sich die Proteste der Iranerinnen erneut.

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Werden die Iranerinnen den Kampf gewinnen?

Diese Entwicklung der Protestbewegungen in den letzten Jahren im Iran zeigen, dass es für die Iranerinnen schwer ist, ihr Recht auf Selbstbestimmung zu erlangen. Obwohl es immer
wieder Lockerungen, beispielsweise in der umstrittenen Kleiderordnung gab, wurden diese
Gesetze immer wieder zurückgenommen. Das lässt vermuten, dass es noch sehr lange
dauern wird, bis die Menschen im Iran und vor allem die Frauen, ihre Selbstbestimmung
erhalten werden. Trotz des langen Kampfes für die Selbstbestimmung, geben die
Iranerinnen nicht auf. Das beweisen die Proteste um Mahsa Amini. Wenn so viele Menschen für ihre Rechte auf die Straße gehen, muss das doch irgendwann etwas bewirken. Natürlich ist es schwer alte Gesetze und kulturelle Traditionen aufzubrechen, allerdings bleibt zu hoffen, dass bald ein Fortschritt für die Selbstbestimmung der Iranerinnen kommt.
Denn ein gesellschaftlicher und gesetzlicher Wandel in Bezug auf grundlegende Rechte ist
immer wichtig und im Iran längst überfällig
.

Quellen:

https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2022/10/frau-leben-
freiheit-proteste-iran-geschichte-frauenrechte

https://www.dw.com/de/proteste-im-iran-
kampf-um-selbstbestimmung/a-63398026

https://taz.de/Proteste-im-Iran-
2022/!t5884344/

https://www.zeit.de/politik/ausland/2022-10/iran-proteste-politologe-
revolutionaerer-prozess

https://de.euronews.com/2022/10/20/proteste-im-iran-2022