Fußball-WM in Katar: Hinschauen oder Wegschauen? 

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Ein Kommentar von Charlotte Pärnt

Vor drei Tagen hat die Fußball-Weltmeisterschaft der Herren in Katar begonnen. Doch dieses Sportereignis wird nicht erst seit kurzem kontrovers diskutiert. 

Denn: Der monarchische Staat Katar steht wegen der Missachtung von Menschenrechten massiv in der Kritik. Nur ein kleiner Teil der in dem Land lebenden Menschen sind katarische Staatbürger*innen. Viele Gastarbeitende kommen aus anderen Ländern nach Katar, um dort zu arbeiten und das Leben ihrer Familien zu Hause zu finanzieren. Allerdings haben sie vor Ort so gut wie keine Rechte. Die Menschen müssen unter unmenschlichen Bedingungen arbeiten, bekommen wenig Lohn und können nicht frei entscheiden, ob oder wann sie gehen möchten. Im Laufe der Vorbereitungen auf die Weltmeisterschaft sind Schätzungen zufolge mehrere tausend Gastarbeitende ums Leben gekommen. Genaue Zahlen oder Nachweise gibt es dafür nicht. 

Neben diesen schweren Menschenrechtsverletzungen werden außerdem Frauen oder Menschen der queeren Community systematisch unterdrückt und benachteiligt. Pressefreiheit existiert in Katar quasi nicht. 

Daraufhin haben sich viele Fußballfans und Interessierte dazu entschieden, diese WM nicht zu schauen, sie also zu boykottieren und wünschen sich auch von den Profis und Fußballverbänden einen Boykott oder zumindest eine deutliche Stellungnahme.

Auch wenn sich bezüglich der Missstände in Katar im Prinzip alle einig sind, gibt es Menschen, die einen Boykott für wenig sinnvoll halten. 

Erst durch diese WM in Katar wird die Welt überhaupt auf die Problematiken des Landes und die schweren Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht. In der Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften gab es kaum ein austragendes Land, über das, wie in diesem Jahr, fast nur negativ berichtet wird. Beobachtet man die WM also mit kritischem Blick und macht währenddessen immer wieder auf die prekäre Menschenrechtslage aufmerksam, kann man den Druck auf das Land erhöhen und so vielleicht wichtige Reformen erzielen.

Vergangene Sportevents zeigen allerdings, dass sich diese Hoffnung eher nicht bewahrheiten wird. Nach der Fußball WM in Russland 2018 oder den erst in diesem Jahr stattgefundenen Olympischen Winterspielen in China hat es keinerlei Verbesserungen bezüglich der Menschenrechtslage gegeben, obwohl die ganze Welt durchaus kritisch darauf geschaut hat. 

Wenn also sowieso keine Verbesserungen zu erwarten sind, könnten wir als Individuen zumindest klare Haltung zeigen und versuchen, die WM für Katar so wenig rentabel wie möglich zu machen. Denn: Übertragungsrechte der Spiele werden an bestimmte Sender verkauft, die das ausgegebene Geld dann wieder durch Einschaltquoten einholen. So verdient Katar aktiv an Zuschauenden. Außerdem würden Medien durch einen Boykott dem Hass der katarischen Regierenden entscheidend entgegenstehen und ihm keine Plattform bieten. 

Oft wird auch argumentiert, Katar habe seit der WM Vergabe in 2010 einige Menschenrechtsreformen auf den Weg gebracht. So zum Beispiel die Einführung eines Mindestlohns (der im Übrigen offiziell 230€ pro Monat beträgt) und die Abschaffung des Kafala-Systems. 

Das Kafala-System ist ein bestimmtes System der Bürgschaft, welches Arbeiter*innen nur die Einreise ins Land gewährt, wenn sie jemanden haben, der*die für sie bürgt. Eine Art Sponsor*in. Diese Sponsor*innen sind oftmals die Arbeitgebenden, die Arbeitnehmenden begeben sich dadurch oftmals in eine extreme Abhängigkeit. 

Leider existieren diese Reformen aber nur auf dem Papier. Sie ermöglichen Katar, nach außen hin wie ein kritikfähiger und einsichtiger Staat zu wirken, während im Inneren fast alles so weiterläuft wie zuvor.

,,Dann musst du ja Fußball allgemein boykottieren‘‘ und ,,das Problem ist die FIFA, nicht nur Katar‘‘, hört man immer wieder. Ja, das ist im Prinzip richtig. Es ist nichts Neues, dass vor WM Vergaben Millionen von Euros zwischen FIFA-Funktionär*innen fließen und auch die Länder oftmals keinen Cent scheuen, um dieses große Sportereignis austragen zu dürfen. Fußball ist schon lange nicht mehr nur Sport, sondern wird von Geld und Korruption gesteuert. 

Fun Fact: Der FIFA Präsident, Gianni Infantino, wohnt mittlerweile in Katar. 

Auch wenn man Profifußball generell kritischer betrachten und auch andere Spiele boykottieren könnte, kann der Boykott der WM in Katar ein guter erster Schritt sein. Die WM Vergabe an diesen monarchischen, menschenrechtsmissachtenden Staat ist für Viele eine klare Grenzüberschreitung. Die mit dem Boykott einhergehende Kritik widmet sich eben auch nicht nur Katar, sondern der gesamten FIFA und ihren Funktionär*innen.

Nicht nur die Menschenrechtsverletzungen, sondern auch der unverhältnismäßige Ressourcenverbrauch kann Grund für einen Boykott sein. Gespielt wird in diesem Jahr in acht Stadien, von denen viele extra für die Weltmeisterschaft erbaut wurden. Zudem existiert in Katar quasi keine Fußballkultur, sodass diese Meisterwerke der Ressourcenverschwendung vermutlich nie wieder verwendet werden. Einige Stadien sollen sogar direkt im Anschluss an die WM zurückgebaut werden. 

Des Weiteren ist es in Katar so warm, dass die Stadien massiv heruntergekühlt werden müssen, um das bedenkenlose Spielen darin gewährleisten zu können. In Bezug auf die Klimakrise kann man dieses Sportereignis also wohl ganz objektiv als ,,Katastrophe‘‘ bezeichnen. 

Im Endeffekt kannst aber nur Du entscheiden, ob Du dir diese Weltmeisterschaft anschauen möchtest oder nicht und Deine Erwartungen an Medien, Profis, Funktionär*innen und Politiker*innen formulieren. 

Die gravierende Situation in Katar kann man aber nicht bestreiten. Gastarbeiter*innen werden ausgebeutet, viele von ihnen sind während der Vorbereitungen der Fußball WM zu Tode gekommen. Katarische Frauen sind fast immer auf einen männlichen Vormund angewiesen und Homosexualität steht unter Strafe. Menschenrechte werden hier – wortwörtlich – mit Füßen getreten. 

Die ganze Welt schaut auf Katar: Wer gewinnt, und wer verliert hier?